From Mississippi to San Francisco • To
New York •
To Europe • Compagnia Afro Danza •
Coming to Austria
Aus: Ballett Intern (www.ballett-intern.de)
Heft 67/28. Jahrgang
Nr. 1 / Feb.2005
Von Dagmar Fischer
Mississippi 1925, ein Haus ohne Adresse, „in the middle of nowhere“, bewohnt von einer kinderreichen, schwarzen Bauernfamilie. Hier wird am 1. September Robert Curtis geboren, dessen Leben der Tanz bestimmen soll – obwohl 1925 in Mississippi niemand wusste, was Tanz eigentlich ist.
Ein älterer Bruder macht sich irgendwann auf nach San Francisco – das bedeutete eine Anlaufstelle in der Stadt, einer anderen Welt. Dorthin folgt ihm der 17-jährige Robert, genannt Bob, im Jahr 1943; doch es ist Krieg, drei Jahre Kriegsdienst bei der Marine in Alaska müssen zunächst absolviert werden.
Zurück in „Frisco“, beginnt Bob 1946 Bildende Kunst an der San Francisco State University zu studieren, die Malerei fasziniert ihn. Mehr aus Neugier, und weil man ihn ständig fragt, ob er denn Tänzer sei, nimmt er Unterricht an der San Francisco Ballet School. Allerdings nur einmal pro Woche, zusammen mit vielen Ex-Soldaten, die das Training eher als eine Art Rehabilitation ansehen. Kurze Zeit später bietet der Schuldirektor ihm an, täglich zu trainieren, aber nicht mehr bezahlen zu müssen! Bob sieht sich eigentlich als „not a natural talent“, nimmt das Angebot aber trotzdem an.
1947 macht das Sadler’s Wells Ballet auf Welttournee in San Francisco Halt, hochgewachsene Männer für Statistenrollen in Swan Lake, Sleeping Beauty und Cinderella werden gesucht – Bob Curtis ist einer von ihnen. Gemeinsam mit Margot Fonteyn, Robert Helpman, Moira Shearer und Frederick Ashton „steht“ er auf der Bühne, feiert Partys nach den Vorstellungen und bekommt zwei Dollar pro Tag.
Als Tänzer wird Bob Curtis dann 1949 von der „Salt Lake City University Operette Company“ engagiert, Hoffmanns Erzählungen und Die Lustige Witwe in Open Air Aufführungen bestimmen seinen Alltag.
Auf Vermittlung seines Lehrers Lew Christenson erhält Curtis noch im gleichen Jahr ein Stipendium an Balanchines „American Ballet School“ in New York. Obwohl der emigrierte Russe Vorbehalte gegen Farbige im Klassischen Tanz hatte („classical dancers should not be darker than a pealed apple“), kam Curtis in den Genuss, von jenen berühmten Lehrern unterrichtet zu werden, die aus Russland in die USA geflohen waren. Einmal in New York, nahm er ebenfalls Unterricht an der Metropolitan Ballet School, bei Martha Graham sowie an der Primitive Ethnic Dance School.
Als schwarzer Tänzer sollte man mehr über „Black Dance“ wissen, dachte er sich, und so schloss sich Bob Curtis 1949 auch Katherine Dunham an, tanzte in ihrer „Experimental Group“ und erhielt von ihr ein weiteres Stipendium. Voraussetzung dafür war, als Gegenleistung bestimmte Jobs zu übernehmen; da der Rest des Tages jedoch mit den Unterrichtsstunden an all’ den anderen Schulen ausgefüllt war, blieb Curtis nur die Möglichkeit, einem Ballettlehrer am Wochenende zu assistieren – so sammelte Bob Curtis seine ersten Erfahrungen im Unterrichten.
Katherine Dunham begleitete er auch nach Haiti, Mexiko und Kuba, wo sie den ursprünglichen afrikanischen Tanz, auch innerhalb von Voodoo Zeremonien, erforschte. Doch letzten Endes war sie mehr an der Religion, Curtis aber an den unterschiedlichen Tänzen interessiert. 1952 schloss er sich der „José Limon Dance Company“ an, um nicht „the sense of a professional dancer“ zu verlieren.
Diese hoffnungsvolle Laufbahn wurde 1954 durch einen Autounfall jäh unterbrochen, nach dem zunächst unklar war, ob er je wieder gehen können würde.
Er konnte, und er ging, nicht wieder zurück zu Limon, sondern nach Europa.
1955 trainierte er im berühmten Wacker Studio in Paris, nahm an einer Audition von Roland Petit teil, bestand – und lehnte dankend ab! Sein Ziel damals war ein nicht näher zu bestimmendes „Dolce Vita“ in Italien. Es folgte eine Zeit der Shows, der Tingelei durch Hotels und Nachtclubs zwischen Monte Carlo und Portugal, in der das „Manhattan Trio“ mit dem großen, dunkelhäutigen Mann und zwei blonden Mädchen äußerst erfolgreich unterwegs war. Bis der Gedanke kam, „it’s really going nowhere“, und sich Bob Curtis in Rom niederließ. Er arbeitete fürs Fernsehen, in der Modebranche, wirkte in Filmen und Musicals mit.
Schließlich wurde er (doch noch) Italiens Modern Dance Pionier: 1968 gründete er zusammen mit Elsa Piperno die erste zeitgenössische Company in Italien, 1972 eröffneten beide die dazugehörige Schule in Rom. Als ein persönlicher Konflikt die Zusammenarbeit der beiden und sowohl die Schule als auch die Company zerstörte, ging Bob Curtis wieder nach New York, um an der Schule von Arthur Michell zu unterrichten, der inzwischen Direktor des „Dance Theatre of Harlem“ geworden war. Aber dort hielt er es nur zwei Jahre aus, „I couldn’t relate to New York anymore“. Zurück in Rom 1977, verkaufte er viele private Dinge von Wert, um noch einmal vor vorne anzufangen: Die „Compagnia Afro Danza“ wurde gegründet, und mit finanzieller Unterstützung der italienischen Regierung bestand sie 18 erfolgreiche Jahre lang.
Auf Italien folgte bislang nur noch Österreich und eine erstaunliche, neue Karriere als Pädagoge. Bob Curtis unterrichtete ab 1994 am Bruckner Konservatorium in Linz, seit 1999 an der Ballettschule der Wiener Oper und an vielen weiteren kaum noch zu zählenden Institutionen, Schulen und auf Festivals in Europa, den USA und Russland.
Seit 1994 lebt Bob Curtis in Wien, das er als angenehme Stadt für „elder people“ empfindet. Älter? Bob Curtis ist der jüngste 80-Jährige, den man sich vorstellen kann. Wenn man ihn tanzen sieht, bekommt man eine Ahnung, wie Tanz in den Anfängen, am Ursprung der Menschheit, vielleicht ausgesehen haben könnte: Beseelt, streng, schlicht, in sich ruhend.
Bob Curtis nennt seinen Unterricht „Afro Contemporary“ – nur auf den ersten Blick ein Gegensatzpaar, bei dem Afro in die Vergangenheit weist, das Zeitgenössische im Heute angekommen ist. Was er vermittelt, ist so etwas wie die Grundlagentechnik aller Tanzstile, die Basis für einen Körper, der sich differenziert bewegen will.
In seinem außergewöhnlichen Leben hat Bob Curtis eine Menge sehr unterschiedlicher Erfahrungen gemacht. Je mehr sich angesammelt hat, je mehr er lernte, desto einfacher, schlichter, existenzieller wird sein Tanz, so scheint es. Von allem überflüssigem Blendwerk befreit, ist er bei den „Basics“ angelangt.
Jugendliche, die im Alter seine Urenkel sein könnten, reagieren mitunter leicht irritiert auf seine Erscheinung: Er ist kein Entertainer, macht keinen Wirbel um seine Person, spricht freundlich und direkt mit seinen Schülern, aber entlarvt gewollte Künstlichkeit unmittelbar als lächerliche Fassade. Das sind für Einige durchaus ungewohnte Qualitäten – im Vergleich zur medienpräsenten Welt, in der Jugendliche heute oft aufwachsen. Doch wenn es darum geht, zukünftige Künstler zu unterweisen, ist sein Anspruch hoch: „Artists are special people, and if you’re not saying something special, you’re not an artist.“ Auch zur viel diskutierten Notwendigkeit von mehr oder weniger Technik im Tanz hat er eine klare Haltung: Jeder Tänzer muss über so viel Technik verfügen, dass er sie vergessen kann, „when you got it techniqually right, you go beyond, to be free.
Bob Curtis wird in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiern können. Er hat sein Unterrichtspensum reduziert, um sich seiner anderen Leidenschaft wieder mehr widmen zu können, der Malerei. Zurückgehen, neu beginnen – das müssten, wenn man seinen abenteuerlichen Lebensweg anschaut, vertraute Größen sein.
Doch der Maler Bob Curtis geht im Grunde zurück zu der Zeit vor dem Tanz, als er sich als Student der Malerei an der Universität San Francisco einschrieb. Es scheint, die Zeit ist reif für die nächste Phase: das Leben als Bildender Künstler.
Anm.: Alle durch Anführungszeichen „gekennzeichnete Textstellen“ sind Zitate von Bob Curtis, die bewusst im englischen Original belassen wurde.


